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Kindliche Trotzdephase eigener Wille Baby Kleinkind

Kindliche Trotzphase – wie „richtig damit umgehen“

Mit dem Fuß aufstampfen, weinen, schreien, bockiger Sitzstreik im Supermarkt oder Fäuste trommelnde Verweigerung gegenüber … na ja, allem natürlich, wenn’s gerade sein muss. Kinder sind – in den Augen von Erwachsenen – oft (scheinbar) unberechenbar in ihrem Trotz, ihrer Sturheit, ihrer Wut. Und du als Mutter, ihr als Eltern? Steht erst mal dabei, manchmal wortlos, hilflos, die Geduld hat längst das Weite gesucht, Erschöpfung und Frust tanzen Boogie und guter Rat … dürfte jetzt gerne ganz flugs um die Ecke kommen. Was hinter kleinkindlichen Trotzphasen steckt und mit welchen (zum Teil überraschenden) Tipps & Techniken du sie – im besten Fall – auflösen kannst, schauen wir uns nachfolgend genauer an.

Warum ist mein Kind trotzig?

Zwischen ca. eineinhalb und fünf Jahren geht es richtig rund bei Kindern – der eigene Wille bricht durch, die Emotionen kochen hoch, das „Unfair“-Barometer ist (für dich gefühlt) auf Daueranschlag, scheinbar alles wird vom Nachwuchs in Frage gestellt, angezweifelt und mit Widerstand bedacht. Kindlicher Frust, Sorgen, Ängste kochen hoch und entladen sich explosionsartig vor deine Füße, beim Essen, an der Supermarktkasse, im Auto, vorm Schlafengehen. Der tägliche häusliche Kampf der Giganten – Eltern „gegen“ Kinder … ein Zerren an Emotionen, Rockzipfel und Nerven. Und sowieso: Eigentlich geht’s ja immer nur ums Prinzip. Oder?

Dein Nachwuchs wird wieder mal zum grummelig-motzigen Trotzmonster? Statt gleich mit Verboten und Zurechtweisungen um dich zu werfen, schau dir dein Kind genau an und versuche zurückzuverfolgen, was zur momentan Situation geführt hat. Direkt vor dem Temperamentsausbruch, aber auch in den Stunden oder Tagen davor. Wann gerieten die Gefühle außer Rand und Band – zu Hause, auf dem Spielplatz, in Kita oder Kindergarten, beim Einkaufen? Vor allem: Wo warst du (und evtl. dein Partner) in diesen Momenten UND … in welcher Verfassung und Stimmung warst du selbst gerade? Wie hat dein Nachwuchs dich den Tag über erlebt? Warst auch du gestresst, wütend, vielleicht sogar überfordert? Hast du beizeiten die Geduld und Beherrschung verloren, dich mit deinem Partner gestritten, bist am Telefon oder anderswo laut geworden – vielleicht sogar gegenüber deinem Kind?

Das alte Spiegel-Prinzip: Das Verhalten deines Kindes ist – zumindest anteilig – immer auch ein Produkt der Beziehung zu dir (und deinem Partner). Bei der Geburt eines Kindes ist die Leinwand weiß, es gibt noch keine Prägungen, Vorurteile, abgeguckte und nachgemachte Handlungsweisen, da ist kein Groll oder Zorn. Aber: Sobald die Sozialisierung anfängt (in erster Instanz in der Familie), saugen Kinder alles auf, wie Schwämme. Worte, Gesten, Gefühle, Stimmungen … was auch immer um sie herum geschieht, ob offensichtlich oder unterbewusst. Dazu zählen auch Dynamiken, die eigentlich nur dich, deine Partnerschaft, den Umgang mit anderen Erwachsenen betrifft, aber auch und – mehr als alles andere – dein Verhalten deinem Kind gegenüber. Dein Sohn bzw. deine Tochter nimmt (fast) alles auf. Und … spiegelt viele Schwingungen und Stimmungen wider. Jedes Kind ist anders, individuell in seinem Charakter und Temperament, aber auch dein Nachwuchs ein unverkennbarer Ableger deiner/eurer Charakterzüge.

Wie sich dein Kind in verschiedenen Situationen verhält, hängt also zu einem großen Teil von deinen Erziehungsmethoden bzw. Führungsqualitäten ab. Wobei Führen dabei nie etwas mit harscher Strenge oder Angst machen zu tun hat bzw. haben sollte. Denn hinter Juniors scheinbar grundlosem Trotz-Verhalten steckt im Grunde vor allem eines: das für die frühkindliche Entwicklung sehr wichtige Erlernen von Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und Geduld sowie das Entdecken der Frustrationstoleranz (bei anderen und sich selbst). Sich behaupten gegenüber anderen, durchhalten, etwas probieren, bis es klappt … nur durch diese Lernschritte meistern Kinder ihre ersten Lebensjahre erfolgreich.

Machtkämpfe bringen gar nichts

Der renommierte dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul bringt es auf den Punkt: „Erziehung als Machtkampf ist immer eine schlechte Idee, weil sowohl die Eltern als auch das Kind am Ende als Verlierer dastehen und sich die Qualität ihrer wechselseitigen Beziehung spürbar verschlechtert hat – ganz gleich, wer zwischendurch einen Punktsieg verbuchen konnte.“

Mit anderen Worten: Gib bei einem aufgebrachten Stimmungs-Feuerwerk nicht deinem Kind die Schuld, mache es nicht verantwortlich für den emotionalen Ausbruch – so „unsinnig“, nervig oder sogar störend dieser in deinen Augen auch sein mag. Dies wäre verantwortungslos und der absolut falsche Ansatz. Ein Kleinkind ist kein reflektierter, lebenserfahrener Erwachsener im Mini-Format. Es hat weder die emotionale noch rationale Reife und Erfahrung, um bestimmte Situationen, die es als stressig, beängstigend oder ungerecht empfindet, „richtig“ einschätzen und für sich trotzfrei lösen zu können. Muss es auch (noch) gar nicht. An dieser Stelle bist du gefragt und mit dir eine Portion Feingefühl, Empathie, Geduld, Verständnis und Aufmerksamkeit gegenüber den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten und Bedürfnissen deines Nachwuchses.

Wo dein Kind noch nicht unterscheiden kann zwischen richtig und falsch, gerecht und ungerecht, angemessen und übertrieben – da liegt es in deiner Verantwortung und an deinem Weitblick, in einer Trotz-Situation zunächst herauszufinden, warum dein Kind seine Gefühle gerade so intensiv mitteilt. Kleiner Tipp (trifft fast immer zu): Etwas innerhalb eurer Eltern-Kind-Beziehung ist aus dem Gleichgewicht geraten, deiner Tochter/deinem Sohn geht es gerade nicht gut. Der erste allgemeine Lösungsansatz: Versuche, die jeweilige Situation mit Kinderaugen zu betrachten, den Ursachen für den Trotz-Trip von Junior auf den Grund zu gehen. Wichtig: Suche dabei nicht automatisch nach Gründen bzw. Schuld bei deinem Kind. Hinterfrage stattdessen dich und euren Umgang miteinander. Gibt es genug Raum für die Bedürfnisse deines Nachwuchses? Hörst du zu, bist da, beruhigst, zeigt Verständnis und Geduld?

Techniken und Tipps zum Umgang mit dem Trotz

Bestes Beispiel: Dein Kind befindet sich mitten im „Trotz-Anfall“. Du bist frustriert über und genervt von diesem Gefühlsausbruch und bestrafst es dafür, dass du unzufrieden bist? Hmm. Was oft passiert: Das Kind wird aus resignierter Überforderung in eine Ecke des Raumes oder sogar in sein Zimmer geschickt (zum „abkühlen“/amerik. „Time-out“). Mit dieser Form der Isolation sendest du jedoch völlig falsche Signale. Im ersten Moment mag diese Methode funktionieren – logisch, du als Stärkerer hast den Schwächeren (dein Kind) zurechtgewiesen. Das Kind wird weggeschickt, bestraft, alleine gelassen, vermutlich sogar verängstigt. „Wenn wir dem Kind die Schuld geben, kränken wir seine persönliche Integrität und reduzieren seine Lebenstauglichkeit.“ (Jesper Juul)

So wird vielleicht das Schreien, Weinen, Wüten für den Moment „unter Kontrolle“ gebracht, der ursprüngliche emotionale Konflikt bleibt aber bestehen, wird dadurch gar nicht angetastet. Die Maßnahme gleicht somit eher einer Form der Dressur, die mit Erziehung nichts mehr zu tun hat. Ganz klar: Kinder profitieren von einem gewissen Maß an Regeln, bedürfen genereller Orientierung im Alltag in Bezug auf das Verhalten gegenüber anderen Menschen. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass Kinder nicht einfach zu kurz geratene Erwachsene sind, sondern völlig andere Denk- und Gefühlsmuster haben und Situationen und Zusammenhänge nicht so erleben, verarbeiten und auflösen können wir ein Erwachsener.

Vorweg daher eine ganze wichtige und simple „Technik“: Versuche dich in die Lage deines Kindes zu versetzen. Sieh durch seine Augen auf die jeweilige Situation, frage es (und dich selbst), warum es Wut oder Angst fühlt, weshalb es den Rückzug antritt oder Trotz bzw. Sturheit das Ruder übernehmen. Jede Emotion deines Kindes, jeder Gefühlsausbruch signalisiert Bewegung in dessen Kopf, Herz und Seele. Da passiert etwas, für dessen Erklärung, Zurechtrücken oder Auflösen du als Erwachsener verantwortlich bist.

Lösungsansätze für akute Trotz-Trips deines Kindes:

  • Verletzungsgefahr fürs Kind vermeiden (z. B. bei um sich schlagen, herumwälzen, springen/rennen)
  • Ruhige & sanfte Reaktionen, wenn Kind tritt/schlägt (z. B. sanft Hand/Fuß festhalten, in die Augen sehen, nach dem Anfall klar formulieren, dass das Verhalten nicht in Ordnung war)
  • Nehmt eine gemeinsame Auszeit – ausklinken aus der aktuellen Stress-Situation (evtl. zusammen Raum/Umgebung wechseln), Emotionen runterkühlen, tief ein- und ausatmen
  • Wenn Eltern-Nerven durchgehen – Kind sicher versorgt wissen, evtl. kurz den Raum verlassen, tief durchatmen, runterregeln
  • Sanftes Festhalten/Umarmen (falls das Kind es zulässt, sonst nicht zwingen, dann einfach ruhig zusammensitzen) -> Präsenz, Liebe und Interesse zeigen
  • Nur Methoden anwendendie man auch gegenüber dem Partner anbringen würde (Kinder sind auch ernstzunehmende, zu respektierende Menschen!)
  • Ruhig bleiben, nicht schreien/schimpfen/drohen (verstärkt die Anspannung auf beiden Seiten sowie das Gefühl von Ungerechtigkeit/abgelehnt werden beim Kind)
  • Keine Wortschwalle (Kind kann gerade keine Infos/rationalen Argumente aufnehmen)
  • Nicht überreagieren/dramatisieren (Ausbruch ernst nehmen, aber nicht aufbauschen, dann beruhigt sich das Kind oft schneller)
  • Nicht nachgeben/konsequent bleiben (z. B. bei Wunsch nach Süßigkeiten/TV; Kind denkt sonst, Wutanfall verhilft zu allem)
  • Nicht persönlich nehmen (kein Kleinkind will seine Eltern ernsthaft beleidigen/kränken)

Trotzschübe sind kaum bis gar nicht vorhersehbar. Es hat also keinen Sinn, sie vorab eindämmen oder verhindern zu wollen. Trotzdem kannst du deinem Kind hier oder da helfen, diese ersten sehr emotionalen Jahre der Entwicklung ein bisschen entspannter zu gestalten.

Wutanfällen vorbeugen:

  • Hunger, Müdigkeit, zu viele Eindrücke (Überforderung) minimieren/vorbeugen (z. B. nicht mit hungrigem/müdem Kind einkaufen gehen; überschaubare (Menge an) Aktivitäten & Pausen einplanen)
  • Aufgaben verteilen (bei Supermarkt-Stress: Kind etwas tragen/holen lassen, fühlt sich gebraucht/wichtig; gilt auch für kleine Hilfen/Aufgaben zu Hause)
  • Mehr Zeit einplanen (Zeitstress vermeiden, z. B. beim Anziehen, Aufbruch von zu Hause)
  • Kompromisse finden (jeder kriegt mal Recht/seinen Willen, nicht nur Verbote verhängen)
  • Rituale pflegen und langfristig beibehalten (z. B. immer gleicher Ablauf vorm Schlafengehen)
  • Wut kontrolliert rauslassen (Kind darf wütend sein, Emotionen zulassen – z. B. auf Kissen hauen, weichen Ball an die Wand werden, jedoch nicht treten oder schlagen)
  • Regeln aufstellen, auf die sich das Kind verlassen/an denen es sich orientieren kann (bei bestimmten Dingen keine Ausnahmen/Diskussionen)
  • Aufmerksamkeit verschieben (ablenken/zerstreuen; heißt trotzdem: Kind ernst nehmen, Emotionen nicht ignorieren)

Um für dich selbst erst mal Spannung rauszunehmen bei einem ausgewachsenen Wut-Orkan von Junior: Selbst reflektieren und erkennen, dass kindlicher Trotz v. a. für eine Lernphase steht. In diesem jungen Alter entwickeln kleine Kinder zum ersten Mal so etwas wie Selbstbewusstsein, sie lernen, beharrlich zu bleiben und gleichzeitig Geduld aufzubringen. Trotzphasen helfen dabei, Gefühle in den Griff zu bekommen – ein Wutanfall ist schließlich auch für dein Kind eine nicht beherrschbare Naturgewalt. Mit diesem Wissen im Hinterkopf fällt es dir garantiert leichter, Unterstützung und Raum zu geben für kindliche Emotionen. Davon abgesehen: Die noch relativ „weiße Leinwand“ eines Kindergemüts bringt noch einen Vorteil mit sich – Kinder sind nicht nachtragend und beruhigen sich meist genauso schnell wieder, wie sie in Fahrt gekommen sind. Und nicht vergessen: Kinder rebellieren nur gegen Menschen, bei denen sie sich sicher, vertraut und aufgehoben fühlen – da ist die Liebe doch gleich wieder doppelt spürbar.