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Postpartale Depression: Wege aus der emotionalen Dunkelheit

Gedrückte Stimmung statt pures Babyglück nach der Geburt – was hilft?

Es könnte alles SO schön sein. Das Baby ist endlich da, Mutter und Kind sind wohlauf, die Anspannung der letzten Wochen und Tage fällt ab. Und doch – der emotionale Höhenflug bleibt aus, die Freude hält sich in Grenzen oder ist zunächst gar nicht spürbar? Es passiert nicht selten, dass frischgebackene Mütter sich statt himmelhochjauchzend eher zu Tode betrübt fühlen. Völlige Leere, Überforderung, anfänglich nichts anzufangen wissen mit dem Baby im Arm, keine emotionale Bindung verspüren … einfach nur der „Baby Blues“? Oder steckt etwas Anderes dahinter?

Was ist eine Postpartale Depression?

Depressionen haben als inzwischen anerkanntes Krankheitsbild mittlerweile – zum Glück – ihren Weg in unsere Gesellschaft gefunden … mehr oder weniger. Eine Form der depressiven Verstimmung, die Postpartale oder auch Postnatale Depression (von lat. post = nach; partus = Entbindung, Trennung), hat leider noch immer einen besonders schweren Stand. Ausgerechnet, wenn es um den glücklichsten Moment im Leben vieler Frauen geht, versagt das „Freude-Zentrum“ im Gehirn? Aber warum?

Du bist als neue Mutter sehr ängstlich, gerätst leicht aus der Fassung, deine Stimmung schwankt stark und du weinst scheinbar grundlos? Erschöpfung, Reizbarkeit, Schlaf- und Ruhelosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten – solange sich diese Gefühle der leichten Traurigkeit relativ schnell wieder auflösen, es sich also nur um eine kurze Phase des „down seins“ handelt – alles gut. Da hat dich wohl der sogenannte „Babyblues“ erwischt, eine sehr „milde“ Version der Wochenbettdepression. Zunächst mal kein Grund zum Aufhorchen – nach einem so intensiven, anstrengenden und manchmal auch traumatischen Erlebnis wie das der Geburt eines Kindes werden deine Emotionen schon mal ordentlich durcheinandergewirbelt.

Laut Ansicht vieler Experten ist der Babyblues eine völlig normale und sogar gesunde Reaktion auf die großen Veränderungen, die eine Geburt und das neue Mutterdasein mit sich bringen. Hier ist keine weitere Behandlung erforderlich, meist lösen sich diese Gefühle innerhalb einiger Stunden bis weniger Tage wieder auf. Gönn dir jetzt so viel Ruhe und Entspannung wie nur möglich. Versuche deinen Alltag freizuhalten von zusätzlichem Stress und stütze dich auf das Netzwerk an vertrauten, hilfsbereiten Menschen um dich herum.

Was aber, wenn die zuvor beschriebenen Symptome sich hartnäckig halten? Generell unterscheidet man zunächst einmal drei Arten der „postpartalen Störung“ (zum Teil fließende Übergänge):

  1. Postpartales Stimmungstief (umgangssprachlich Babyblues oder Heultage)
  2. Postpartale Depression (PPD), auch Postnatale Depression (von lat. natus = geboren)
  3. Postpartale Psychose (PPP)

Konkrete Anzeichen für eine Postpartale Depression sind z. B.:

  • Energiemangel, Antrieblosigkeit
  • Extreme Überforderung und Erschöpfung (trotzdem nicht schlafen können)
  • Traurigkeit, weinerlich
  • Inneres Leeregefühl
  • Schuldgefühle
  • Ambivalente Gefühle dem Kind gegenüber (z. B. „Fremdeln“)
  • Allgemeines Desinteresse, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung
  • Teilnahmslosigkeit
  • Hoffnungslosigkeit
  • Tötungsgedanken (auf sich, auf das Kind und/oder andere Familienmitglieder bezogen)
  • Sexuelle Unlust
  • Kopfschmerzen
  • Herzbeschwerden
  • Extreme Reizbarkeit
  • Taubheitsgefühle
  • Zittern
  • Schwindel
  • Konzentrations- und Schlafstörungen
  • Ängste und Panikattacken (z. B. übertriebene Sorge um die eigene Gesundheit)

Wann, wieso und bei wem taucht die PPD auf?

Die Postpartale Depression (betroffen: 10-20 % aller Mütter und ca. 4 % aller Väter) kann bis zu zwei Jahre nach der Geburt entstehen, meist gschieht dies eher schleichend und zunächst fast unbemerkt.

Der körperliche und mentale Stress einer Geburt sind das Eine. Konkrete frühere Prägungen (z. B. Depressionen, Angststörungen, Phobien) oder diverse schwere Belastungen während oder nach einer Schwangerschaft sind zusätzliche Risikofaktoren. Dazu gehören u. a. finanzielle Probleme/Armut, soziale Isolation, Traumata oder Erkrankungen. Unterschieden wird bei den Ursachen für eine PPD hauptsächlich nach folgenden Kategorien:

 

Biologische Ursachen Extreme körperliche Anstrengung bei der Geburt; Veränderung des Körpers; generelles hormonelles Ungleichgewicht und/oder Mangel an Schilddrüsenhormonen; Frauen mit starken PMS-Symptomen sind häufiger betroffen
Psychische Ursachen Ängste; unrealsitisches Mutterbild; Abschied von eigener Kindheit (unverarbeitete Erlebnisse kommen hoch); Belastung durch neue soziale Strukturen (zurück in den Beruf oder Isolation zu Hause)
Psychosoziale Ursachen Persönliches Mutterbild ((vermutete) Erwartungen von außen), geprägt durch persönliches Umfeld, Erziehung, kulturelle Einflüsse
Kulturelle Einflüsse Häufigkeit der Erkrankung in manchen Ländern höher (z. B. Brasilien, Guyana, Costa Rica, Italien, Chile, Südafrika, Taiwan, Korea), in anderen sehr gering (z. B. Singapur, Malta, Malaysia, Österreich, Dänemark)
Missbrauchserfahrungen Missbräuche in unterschiedlichster Form (bis hin zur Vergewaltigung) sind traumatische Lebensereignisse -> durch Schwangerschaft/Geburt: Retraumatisierung möglich

Wie kann geholfen werden? (Anlaufstellen für Notfälle am Ende)

Die gute Nachricht: Dank dem heutigen so weit fortgeschrittenen Forschungsstand werden die meisten psychischen Erkrankungen inzwischen sehr schnell erkannt bzw. diagnostiziert. Das Problem: Die betroffenen Mütter leiden selbst in der Genesungsphase noch sehr. Ein überwältigendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit verdeckt dann lange Zeit die Sicht auf alles Positive, was sehr viel Kraft kostet.

Ganz wichtig

Umfassende Aufklärung und intensive, kompetente psychologische Betreuung

Ganz falsch

Was gar nichts bringt und eher noch mehr Schaden anrichtet, sind genervte oder verständnislose Kommentare und unreflektierte „gutes Ratschläge“ im privaten Umfeld (z. B. „Reiß dich einfach mal zusammen“, „Heul nicht schon wieder“, „Du nervst mit deiner schlechten Laune“). Im Einzelfall müssen (sollten!) sich Angehörige und Freunde/Kollegen eingehend informieren über das Krankheitsbild und sich in Folge dementsprechend sensibilisieren im Umgang mit der Betroffenen.

Unterstützung im privaten Umfeld:

Der erste Schritt – erst einmal tief durchatmen. Alles wird gut. Es ist nichts verloren. Es gibt immer einen Ausweg und garantiert Unterstützung um dich herum. Die Postpartale Depression ist gut behandelbar. Falls du vermutest, von einer Postpartalen Depression betroffen zu sein, schaff dir (wenn deine Kräfte es zulassen) zunächst vor allem ein Umfeld, das so ruhig, entspannt, positiv und gesund wie möglich ist (z. B. gesunde Ernährung, Bewegung/Sport, viel ausruhen/schlafen, andere Mütter treffen, Selbstfürsorge betreiben wie bspw. ein heißes Bad, Sonne tanken, dir etwas schönes kaufen, meditieren, Hobbies nachgehen, Auszeiten schaffen usw.)

Außerdem: Wende dich umgehend an vertraute Menschen in deinem unmittelbaren Umfeld, die dich bisher auch in anderen Belangen unterstützt und ermutigt haben. Hier wirst du sofort ein offenes Ohr finden und kannst die schweren Gedanken, Zweifel und Ängste erst einmal abladen.

Wenn sich deine Symptome nicht innerhalb kurzer Zeit im heimischen Umfeld auflösen lassen oder du sogar suizidale Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend einen Arzt deines Vertrauens (dies kann auch der Hausarzt oder Gynäkologe sein), den Krisendienst oder eine Klinik (Kontaktmöglichkeiten ganz unten). Falls du dich zu überfordert fühlst, bitte deinen Partner oder eine andere dir nahe Person um Unterstützung.

Es ist nicht selten, dass bei einer Postpartalen Depression auch Suizid-Gedanken (Selbsttötung) Teil der Symptomatik sind. Diese Anzeichen wollen und sollen sehr ernstgenommen werden, her ist eine umgehende psychologische Betreuung anzustreben. In manchen Fällen ist dazu auch eine stationäre Behandlung ratsam bzw. erforderlich.

Konkrete medizinische/psychologische Behandlungsmaßnahmen (teilweise auch kombinierbar):

  • Psychotherapie (Gesprächstherapien in unterschiedlicher Form)
  • Systemische Familientherapie (Aufstellungen)
  • Musiktherapie
  • Psychopharmakotherapie (medikamentöse Behandlung/Antidepressiva)
  • Hormontherapie
  • Naturheilkundliche Therapie
  • Mütter- und Selbsthilfegruppen
  • Stationäre Behandlung und Betreuung

Anlaufstellen für NOTFÄLLE

Beschäftigen dich konkrete und nicht abzuschüttelnde Suizidgedanken? Hier findest du schnelle Hilfe: