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reagenzglas pinzette einfrieren

Stammzellen einfrieren – bahnbrechend oder nur ein Hype?

Anzeigen, Artikel, Info-Broschüren … das Thema Stammzellen und das Einfrieren dieser scheint allgegenwärtig. Sogar von einer „Wunderwaffe“ zur Behandlung von Krankheiten ist die Rede. Kein Wunder, dass Frau sich diesbezüglich schon während der Schwangerschaft ganz schön kirremachen lassen kann. Hast du auch schon darüber nachgedacht? Dich ausgetauscht mit anderen (werdenden) Müttern, beim Gynäkologen nachgefragt? Vermutlich gab es ganz unterschiedliche Meinungen und Herangehensweisen. Auch wir beschäftigen uns heute näher mit der Thematik, um dir einen kurzen Überblick und bestenfalls Antworten auf einige Fragen zu geben:

Was sind Stammzellen eigentlich?

Der Name deutet es schon an: Es geht um den „Stamm“, also den Ursprung einer Zelle. Als Stammzellen werden demnach ursprüngliche Körperzellen bezeichnet, die – je nach Herkunft – lebenslang vorhanden sind. Sie teilen bzw. vermehren sich (entsprechend ihrer Art und Beeinflussung) im Verlauf der Zeit unbegrenzt und können sich dabei in ganz unterschiedliche Gewebe und Zelltypen weiterentwickeln.
Es gibt unterschiedliche Stammzellen: embryonale (aus dem Embryo), fetale (aus dem Fötus) und adulte (von Säuglingen, Kindern und Erwachsenen). Die teilungsfähigen adulten Stammzellen wurden bisher in 20 Organen nachgewiesen, darunter im Gehirn, im Knochenmark und im Blut … so auch im Nabelschnurblut von Neugeborenen.

Was muss ich wissen rund um Entnahme, Aufbewahrung und Kosten?

Falls du Interesse an der Option der Stammzellen-Entnahme nach der Geburt deines Kindes hast, gilt dein erster Gang dem zu deinem Gynäkologen. Dort wird dir selbst – etwa einen Monat vor dem Geburtstermin sowie ca. vier Monate danach – Blut entnommen.
Das Nabelschnurblut an sich wird direkt nach der Geburt im Kreissaal aus der Nabelschnurvene abgenommen. Per Kurier wird es dann in ein Speziallabor gebracht. Dort werden die Stammzellen zunächst untersucht, in flüssigem Stickstoff auf ca. -170 Grad Celsius heruntergekühlt und schließlich in einer privaten Spenderbank deiner Wahl eingelagert.

Nach aktuellem Forschungsstand und basierend auf Langzeituntersuchungen sind die eingelagerten Stammzellen ungefähr 15 Jahre lang voll funktionstüchtig. Der Lagerungszeitraum für Stammzellen in privaten Spenderbanken beträgt in etwa 20 Jahre – die Kosten betragen je nach Anbieter ab ca. 1.500 Euro.
Eine weitere Option, falls du die Stammzellen deines Kindes nicht einlagern möchtest, z. B. aufgrund des Kostenfaktors, du aber trotzdem gerne helfen willst: Zahlreiche Kliniken in Deutschland bieten an, Stammzellen zu „übernehmen“. So hilfst du im Ernstfall vielleicht einem anderen kranken Kind.

Stammzellen einfrieren für später – eine gute Idee, weil …?

Ungefähr drei von hundert Eltern lassen zum heutigen Zeitpunkt – als eine Art „Lebensversicherung“ – die Stammzellen ihres Kindes einfrieren. Der Hintergedanke: Die Forschung versucht bereits seit einigen Jahren herauszufinden, ob bzw. inwiefern sich die Wandlungsfähigkeit von Stammzellen nutzen lässt – vorrangig bzgl. der Behandlung von Krankheiten. Das Ziel: Die Stammzellen sollen sich im Krankheitsfall in die Zellen des betroffenen Gewebes umwandeln – also ein Ersetzen, ein Austausch kranken Zellgewebes durch gesundes.
Stammzellen sind sehr jung, das Erbgut ist meistens noch nicht vorbelastet. Gerade bei Leukämie-kranken Kindern wird deshalb schon jetzt oft auf eine Behandlung mit Stammzellen gesetzt. Die in der Vergangenheit gängigste „Quelle“: eine Knochenmarkspende. Immer mehr im Kommen: Nabelschnurblut. Mehr als 10.000 kranke Menschen haben bislang vom Einsatz dieser Sorte von Stammzellen profitiert. Ein großer Vorteil dieser Variante: Durch das Auffangen des Nabelschnurblutes direkt nach der Geburt sind die darin enthaltenen Stammzellen leicht zugänglich.
Für dich gut zu wissen – gegenüber anderen Entnahmemöglichkeiten birgt diese Methode folgende Vorteile:

  • Unkomplizierte, schmerzfreie und ungefährliche Zell-Gewinnung für Mutter und Kind
  • Unmittelbare Verfügbarkeit im Bedarfsfall (im Vergleich zu aufwändigem Testverfahren bei Knochenmarkspenden)
  • Bessere Zellteilung (verglichen mit den Stammzellen aus dem Blut Erwachsener), daher zur Behandlung nur ein Zehntel der sonstigen Menge nötig
  • Zellen können sich in mehr unterschiedliche Gewebe umwandeln
  • Hohe Verträglichkeit (Gewebemerkmale von Spender und Empfänger dürfen leicht abweichen) -> bei Einsatz an anderen Personen verminderte Wahrscheinlichkeit einer Abstoßreaktion
  • Geringe Vorbelastung der Zellen (immunologische Naivität) positiv für den Einsatz zur Behandlung sehr kleiner Kinder mit bislang wenig Kontakt zu Krankheitserregern

Lieber doch nicht – ein Nachteil, der eigentlich keiner ist?

Klingt alles gut? Eigentlich ja, trotzdem solltest du beim Abwägen von Für und Wider einiges bedenken. Überlegst du, das Stammzellengewebe deines Kindes später bei einer eventuell notwendigen Behandlung nutzen zu können? Fakt ist: Beim derzeitigen Stand der Forschung und der bislang tatsächlichen Nutzung ist das Einfrieren von Stammzellen aus Nabelschnurblut eine noch sehr spekulative, also theoretische Investition.

Einige Nachteile der Methode:

  • Einsatz von Stammzellen zu Therapiezwecken derzeit erst in der Forschungsphase (Ausnahme: Behandlung bei Leukämie/Blutkrebs)
  • Ziel bei Leukämie: Abwehrreaktion der eingesetzten Zellen erwünscht, bei Nabelschnur-Stammzellen aber nicht garantiert
  • Bei Behandlung von Kleinstkindern: Geringe Stammzell-Vorbelastung evtl. auch nachteilig, dann fremder Spender besser (Immunsystem durch Infektionen geprägt/gestärkt)
  • Stammzellen: Geringere Anzahl, limitiert in ihrer Vermehrung, begrenzte Lebensdauer (eine Portion Nabelschnurblut reicht oft nicht aus zur Behandlung eines Erwachsenen, z. B. bei Leukämie-Erkrankung)
  • Unerkannte, familiär vererbbare Krankheiten oder Verunreinigungen (während des Geburtsvorgangs) durch die Zellen übertragbar
  • Derzeit noch keine Langzeituntersuchungen, die die Funktionsfähigkeit eingefrorener Stammzellen nach 20 Jahren garantieren können
  • Nicht unerhebliche Kosten für die Einlagerung (ab ca. 1.500 €)

Und auch dies solltest du in den Gedankenprozess mit einbeziehen: Vor allem bei Kindern, die an Blutkrebs erkranken, haben sich in den Stammzellen bereits vor der Geburt Vorläufer der Krebszellen gebildet. Bei Erbkrankheiten sieht es ähnlich aus, hier tragen die Zellen der Nabelschnur bereits den gleichen Gen-Defekt – in beiden Fällen sind die eigenen Nabelschnurblut-Stammzellen leider ungeeignet zur Transplantation, sprich für den Heilungsprozess. Hier können Blut bzw. Stammzellen von fremden Spendern helfen.

Fazit: Immer ruhig bleiben

Ein eindeutiges Fazit? Nun, zumindest die Erkenntnis: der Unterschied zwischen Ärzten und privaten Nabelschnurbanken – die Perspektive. Aus medizinischer Sicht liegt der Fokus auf dem Hier und Jetzt, dem Stand der Forschung und den konkreten Anwendungsmöglichkeiten zum aktuellen Zeitpunkt. Und nach Meinung vieler Ärzte gibt es diese Anwendungsmöglichkeiten für die Nabelschnur-Stammzellen des eigenen Kindes momentan noch nicht – von dieser Seite also eher ein Abraten in puncto Einlagerung.

Private Anbieter dagegen planen für die Zukunft. Ihre Argumentation: Beim allgemeinen Tempo der Forschung – da tun sich doch in den nächsten Jahren bestimmt noch Einsatzgebiete auf! Fakt ist: Die Entwicklung neuer Therapien mit Nabelschnurblut ist in vollem Gange. Die Hoffnung der Forscher liegt derzeit vor allem auf künftigen Behandlungserfolgen durch Stammzellen u. a. bei Autismus, Typ-1-Diabetes, Herzinfarkten oder Hirnschädigungen (durch Komplikationen bei der Geburt). Wirklich aussagekräftige und richtungsweisende Studienergebnisse? Darauf müssen sowohl die Forscher als auch du in deiner Rolle als (werdende) Mutter sicher noch einige Jahre warten.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist klar: Das Einfrieren stellt keine automatische Lebensversicherung für dein Kind dar. Nach dem heutigen Stand des Fachwissens bzw. der Forschung ist es für dich als Mutter eines gesunden Neugeborenen also keinesfalls eine verpasste Chance, wenn du das Nabelschnurblut deines Kindes nicht einfrieren lässt.